Der historische Roman

Überall kann man lesen, dass der historische Roman ein festes Genre mit einer Leserschaft ist, die auf handfeste Recherche und absolute Faktentreue besteht. Betrachtet man die Romane, die in diesem Genre in den letzten Jahren veröffentlicht wurden (und wir haben eine ganze Reihe solcher Bücher nicht nur betrachtet, sondern komplett gelesen!), kann man erkennen – wenn man das dann möchte – dass sich diese Behauptung zu einer Art Handlungsschema verdichtet zu haben scheint. Nun ist ja nichts gegen eine gute Recherche zu sagen, wir haben für unseren Roman »Das Blausteintuch« natürlich auch sehr ordentlich recherchiert, aber wir glauben dennoch, dass sich der Schriftsteller Freiheiten nehmen muss, die sich der Wissenschaftler nicht gestatten darf.

Die Tendenz, einen Roman auf der mehr oder weniger authentischen Geschichte einer Person aufzubauen, erscheint uns etwas ausgereizt. Und an dieser Stelle kommt wieder der Selbstverlag ins Spiel. Wenn wir unser Buch selbst verlegen, können wir uns die Freiheit nehmen, Text und Figuren nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Der Preis der Freiheit ist, dass wir uns nicht sicher sein können, dass der Roman genug, wenn überhaupt Leser findet. Das ist aber bei einem Verlagstitel auch nicht anders. Viele Macher, die neue Dinge ausprobieren – wenn nicht sogar die allermeisten – werden scheitern, die Bücher allgemein werden dadurch aber interessanter, vielfältiger, straßentauglicher. Wer will schon immer das Gleiche lesen?
Es geht uns also um mehr, als nur um nüchterne historische Fakten. Die Renaissance zum Beispiel ist durch eine ganze Reihe von Entwicklungen mit unserer Epoche verbunden. So erfinden die Menschen zu dieser Zeit nicht nur das verbriefte Geld und entfernen sich auf diese Weise von der vermittelten Tauschwirtschaft hin zu einem dematerialisierten Kapitalismus, die Zeit des ausgehenden Mittelalters ist auch geprägt durch einen wirtschaftlichen Stillstand, der erst durch die Entdeckung Amerikas aufgelöst wird. Erst durch die Entdecker und in ihrer Folge das hereinströmende Geld aus Raubzügen in fremden Ländern und den Sklavenhandel entstehen neue Chancen für diejenigen Menschen des ausgehenden Mittelalters, die nicht an den herkömmlichen Wertschöpfungsketten beteiligt waren. Dieses raubtierhafte Verhalten könnte uns auch irgendwie bekannt vorkommen.
Unser Protagonist erhält nur durch eine, wenn auch unfreiwillige, Reise die Chance, sein Leben in jeder Hinsicht zu verändern und auch zu verbessern. Er verlässt sein Dorf, seine Gemeinschaft und sein fest gefügtes Leben, lernt in der Fremde eine ganz andere Welt kennen, behauptet sich und erreicht viel mehr als er sich jemals hätte vorstellen können. Er wusste gar nicht, was er alles hätte erreichen können, weil er keine Vorstellung davon hatte, in seiner kleinen Welt. Ob er seine Erfolge wird festhalten können, wollen wir natürlich nicht verraten.
Die Parallele zu heute besteht für uns darin, dass wenn man immer nur das macht, was man ohnehin schon kennt, nie erkennen kann, was man hätte finden können, in einer Welt voller Wunder und Überraschungen. Die Renaissance bietet für eine solche Reise die ideale Kulisse, denn die Menschen dieser Zeit brechen in jeder Hinsicht auf. Technik und Wissenschaft entwickeln sich plötzlich, die Leute beginnen zu reisen, sie werden individueller, die Musik polyphoner, das Geld abstrakter, die Zeit der großen Entdeckungen bricht an. Das alles und noch viel mehr haben wir für unsere Geschichte als Hintergrund genutzt.
Und vor diesem Hintergrund sind die Charaktere so lebendig wie möglich angelegt und nicht nur als Stichwortgeber für historische Ereignisse gedacht. In irgendeiner Form könnte fast alles, was Karge wiederfährt, auch uns passieren, mit Ausnahme der Knabenlese hoffentlich. Und so schließt sich der Kreis zur Ausgangsfrage: Wir haben auch Figuren im Buch, die wirklich existiert haben – Baldassare Cossa -, aber wir nehmen uns die Freiheit den Piraten und späteren Gegenpapst als einen Gegenspieler Karges zu benutzen und beugen dafür auch die Daten seiner päpstlichen Biografie etwas. Das sagt trotzdem mehr über Karge, seine Zeit und uns, als nur die reinen historischen Fakten es könnten.

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