Digitales Lesen und „der Markt“

Bei der Recherche für unser SWR-Radiofeature haben wir diverse Statements im Volkspark Friedrichshain zum Thema eBooks und Selfpublishing gesammelt, die allesamt die Statistik bestätigen. Auf dem Buchmarkt sieht es nach allgemeiner Auffassung in etwa so aus: 50% der Neuerscheinungen pro Jahr in Deutschland sind selbst publizierte Bücher, darunter auch die eBooks, die anderen 50% kommen von Verlagen. Insgesamt gibt es rund 160.000 neu erschienene Bücher jährlich in Deutschland. Beim Umsatz sieht es anders aus: Nur 5% vom Gesamtumsatz der Bücher gehen hier an die eBooks. Das liegt im Falle von selbst publizierten eBooks natürlich an ihrem geringen Preis. Verlagstitel kosten in der Regel ein Mehrfaches.
Im Friedrichshain jedenfalls waren diejenigen, die überhaupt eBooks lesen – egal, ob mit oder ohne Verlag veröffentlicht – deutlich in der Minderheit. Wir hörten die Sache mit den »Buchseiten, die man fühlen kann«, immer wieder. Allerdings ergaben Nachfragen, dass sich auch erklärte Holzbuchleser kaum an ihr letztes Buch erinnern konnten. Diejenigen Leser aber, die zum eBook greifen, lesen viel. Oft handelt es sich um Leute, die viel Zeit in der Bahn verbringen und dort ansonsten vor Langeweile eingehen würden. Diese Vielleser möchten die Bücher nicht herumschleppen, und sie stören sich nicht an der Haptik.
Ein anderer Haupteinwand kommt aus der Gestaltungsecke. Bei der Buchkunst liegen die eBooks wirklich ordentlich zurück. Eine Gestaltung der Texte ist kaum möglich, denn der Nutzer stellt sich eine Schriftgröße seiner Wahl ein. Der Umbruch ändert sich dementsprechend und die sorgfältig vermiedenen »Hurenkinder« tauchen wieder auf. Die einstellbare Schriftgröße erleichtert aber auch Lesern mit schlechten Augen – und hat man nicht früher immer behauptet, man bekäme schlechte Augen vom vielen Lesen? – das Lesevergnügen. Außerdem kommt noch ein weiteres Problem dazu. Eine gute (ausgesuchte, passende) Schrift in einem eBook einzusetzen, erfordert eine gänzlich andere Lizenz. Das kostet richtig viel Geld, das sich hinterher kaum wieder erwirtschaften lässt. Ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht, ob das überhaupt geht.
Und/Aber es gab auch echt richtig viele Leute, die uns gesagt haben, dass sie gar nicht lesen. Weder Holzbuch noch Elektrobuch. Null. Nirgendwo. Zu anstrengend. Halten die Stille nicht aus, die sich beim Lesen einstellt. Und das im Szene-Bezirk Friedrichshain … Hätten wir nicht gedacht.

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