Amazon bezahlt pro Seite

Ist jetzt die Ära des Self-Publishing schon zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat? Amazon bezahlt die Autoren jetzt nur noch nach gelesenen Seiten, hört man überall (naja, fast überall). Aber stimmt das überhaupt?

Was sich tatsächlich geändert hat, ist die Art und Weise, wie der Krempelriese die Autoren im Leihprogramm bezahlt. Und das geht folgendermaßen. Wenn man möchte, kann man sein Buch für die Flatrate (Kindle Unlimitted) des Konzerns freigeben. Dann können diejenigen Leser, die eine solche Flatrate abonniert haben, das Buch herunterladen und lesen.
Nun war es bisher so, dass die Autoren (oder auch die Verlage), die ihre Bücher in das Flatrateprogramm gegeben haben, pro Exemplar bezahlt wurden. Hat also ein Leser ein Buch heruntergeladen, wurde der Autor bei der Verteilung des Geldes berücksichtigt, das Amazon für diesen Zweck zur Verfügung stellt. Wie es zu diesen im Moment wohl ca. drei Millionen Dollar pro Monat kommt, weiß wohl höchstens Jeff Bezos ganz genau. Das hat zu einer Ungereimtheit geführt, behauptet zumindest der Konzern selbst. Viele der Bücher im Eigenverlag sind und waren sehr billig (99 Cent), was dazu führte, dass des Öfteren für die Ausleihe Zahlungen zustande kamen, die über diesem Betrag lagen. Ein solches Buch wurde also bei einer einzigen Ausleihe besser bezahlt, als hätte es einen Käufer gefunden. Genauere Angaben dazu finden sich auf den Seiten von Matthias Matting.
Da Amazon aber ohnehin mitschreibt, wie viel in einem Buch gelesen wird und in welchem Tempo, hat man sich nun ein neues Modell einfallen lassen. Es wird nur noch der Anteil bezahlt, der auch gelesen wurde. Blättern reicht nicht, zu hohes Lesetempo. Matting schreibt, das verschlechtere die Absatzmöglichkeiten dünner, aber billiger Bücher, zugunsten von längeren Werken, die spannend genug sind, um auch ganz gelesen zu werden. Vermutlich möchte man bei Amazon das Spektrum der eingestellten Bücher verändern. Außerdem ist es aber natürlich auch eine großartige Gelegenheit, die Bezahlung zu verändern, ohne einen Sturm der Entrüstung unter den Autoren zu erzeugen. Ob das der Fall ist, wird sich aber erst im Laufe der kommenden Wochen zeigen, wenn die neuen Abrechnungen sich verfestigen.
Zusammenfassung: Normal verkäufliche eBooks sind nicht betroffen. Die Bezahlung pro Seite betrifft nur die eBooks, die bei Kindle Unlimitted teilnehmen und somit per Flatrate vom Kunden schon bezahlt worden sind.
Wir haben unser Buch nicht in dieses Programm gestellt und auch keine Umsonst-Aktion dafür eingerichtet, da wir der Überzeugung sind, der geringe Preis des Buches solle nicht noch unterboten werden. Wir glauben eher daran, dass sich ein gut lesbarer Backlisttitel im Laufe der Zeit eine überzeugte Leserschaft schaffen könnte. Allerdings kommt auch hier wieder das Problem der Sichtbarkeit ins Spiel, denn wenn ein Buch nicht in den Toplisten steht (und davon sind wir Lichtjahre entfernt), kann es eigentlich nur gefunden werden, wenn man den Titel sucht. Alle Leute, mit denen wir gesprochen haben, sei es für das Radio-Feature, oder/und weil sie einfach nette Gesprächspartner sind, haben uns etwas anderes geraten. Allerdings führen die »normalen« Maßnahmen zur Sichtbarmachung (also Umsonst-Aktion zur Einführung, extrem niedriger Preis, Werbung, Zielgruppenauswertung etc. nur für Genretitel mit hohen Verkaufsaussichten zum Ziel.
Der starke Trend zur Flatrate, den man mit all seinen Auswirkungen in der Musikindustrie sehen kann, wird den Buchmarkt aber ohne Zweifel verändern. Zumindest, wenn die Käufer das wollen. Und an der Musikindustrie sieht man ja auch, dass viele Käufer kaum bereit sind, für Musik zu bezahlen, selbst wenn sich die meisten Menschen ein Leben ohne Musik nicht vorstellen könnten. Wenn sich aber die Geschäftsmodelle verändern, verändert sich auch die Musik (oder Literatur). Soll Musik zum Beispiel über Werbung finanziert werden, erzeugt das die Castingshows im Fernsehen und die dort entstehende Musik, denn wo das Geld ist, wird produziert, während die Musiker (ich schenke mir jetzt, sie die richtigen Musiker zu nennen – oder? Ne, doch nicht ;-)) nach Brotjobs suchen müssen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.